WIE FUNKTIONIERT EIGENTLICH EINE OFFENE BEZIEHUNG?

Beziehungsstatus: offen!

Hört sich grundsätzlich nicht so kompliziert an. Wikipedia sagt „Eine offene Beziehung oder offene Partnerschaft bezeichnet eine Beziehung (gewöhnlich zwischen zwei Personen), in der die Beteiligten voneinander wissentlich die Freiheit haben, auch andere Partner, insbesondere Sexualpartner zu haben.“

Gefühlschaos.

Sind wir uns mal ehrlich…nachdem in einer langjährigen Beziehung die frisch-verliebtheits-Gefühle verflogen sind, kann es leicht passieren, dass man sich zu jemand anderem hingezogen fühlt. Die Gesellschaft sagt: nicht legitim. Wir quälen uns in der Folge lieber mit Schuldgefühlen und Schweigen. Reden und Ehrlichkeit wäre oftmals der besser Weg, doch viele flüchten sich lieber in eine heimliche Affäre. Gefühlsunterdrückung: failed. Wir stehen ja generell für Offenheit und liberalisierte Denkweisen. Dieser Beitrag sollte kein Aufruf zu einem Monogamie-Putsch sein, sondern unseren konservativen Gesellschaftsnormen lediglich ein bisschen auf den Zahn fühlen. 😉

Real Talk!

Andreas* und Manuel* stellen sich unseren neugierigen Nasen und sprechen mit uns über ALLES, was wir schon immer über offene Beziehungen wissen wollten.

offene-beziehungen

 • Warum habt ihr euch dafür entschieden, in einer offenen Beziehung zu leben?

A: Ich hatte davor bereits eine langjährige Beziehung hinter mir und fühlte mich oft gestresst. Ich habe irgendwann gemerkt, dass eine exklusive Beziehung nicht meinem Wesen entspricht.

M: Ich habe während meiner Beziehung, nachdem das „frisch verliebt“ Gefühl verflogen war, andere Frauen die mir begegnet sind, sehr anziehend gefunden. Das war für mich etwas Verbotenes, ich habe mich schlecht dabei gefühlt, konnte es aber dadurch auch nicht ändern. Ich habe mit meiner Freundin darüber gesprochen und mit der Zeit haben wir gemerkt, dass wir da relativ ähnlich ticken.

• Wie wichtig ist „darüber reden“?

A: Man hat auch einfach einen großen Redebedarf. Ehrlichkeit ist mit Sicherheit der Ausgangspunkt von diesem Beziehungskonzept.

M: Wir aktualisieren unser Konzept ständig. Da fragt man schon mal: „Du, wie war das nochmal, was ist denn genau okay für dich?“. Ehrlichkeit und Vetrauen sind die Grundpfeiler, aber Ehrlichkeit ist auch ein dehnbarer Begriff. Wir erzählen uns nicht alle Details, das bedeutet aber auch nicht, dass wir uns anlügen. Wenn nachgefragt wird gibt es ehrliche Antworten. Sollte ich ein in meinen Augen ein belangloses Treffen haben, habe ich nicht das Gefühl ihr das mitteilen zu müssen.

A: Das stell ich mir gefühlstechnisch krass vor. Wir besprechen schon alles genau. Ab wann redet ihr denn darüber?

M: Letztes Jahr gab es so einen Vorfall. Wir haben uns jeweils in eine andere Person verliebt, das erfordert natürlich ein intensives Gespräch. In diesem Fall haben wir dann gemeinsam beschlossen, dass ein gewisser Grad an Verliebtheit okay für uns beide ist. Natürlich nur, sofern es die Beziehung nicht gefährdet, was es nicht getan hat. Eine Schwärmerei steht nicht im Konflikt zu der tiefen Liebe zu meiner Freundin.

A: Sollte es heikel werden, dann kann man das ja gut steuern und z.B. die Intensität der Treffen reduzieren.

M: Es gibt auch ein Veto Recht und das wird akzeptiert.

• Gibt euch „Eifersucht“ vielleicht einen besonderen Reiz?

A: Der Partner ist weniger selbstverständlich, das hat natürlich seinen Reiz und ist belebend für die Beziehung.

M: Ich mag das Gefühl, dass sich meine Freundin frei bewegen kann und ihre Attraktivität gegenüber anderen Männern genießen kann. Es ist schön wenn sie heimkommt und ich merke, dass  sie einen tollen Abend hatte, der ihr gut getan hat.

A: Bei mir hat sich das Bewusstsein über die Beziehung verändert, ich nehme sie nie als selbstverständlich. Man schwebt zwischen Sicherheit und Eifersucht, wobei ich niemals das Gefühl hatte, dass meine Freundin mich für jemanden anderen verlässt. Die ewige romantische Liebe halte ich sowieso für unrealistisch.

M: Wobei ich persönlich diesen Gedanken eigentlich schön finde 😉

A: Man braucht schon viel mehr Selbstbewusstsein…

M: …und muss seine Qualitäten kennen.

A: Obwohl man sich manchmal sehr komisch fühlt. Am Anfang hatte ich ganz oft einen „Moralischen“.

M: Haha ja, das Gefühl kenne ich!

• Welches Beziehungskonzept wurde euch im Elternhaus vorgelebt?

M: Meine offene Beziehung steht eigentlich eher im Konflikt zu meiner Erziehung. Was mich sehr geprägt hat, war die Scheidung meiner Eltern, die sich während ihrer Ehe aneinander gehängt und quasi erhängt haben.

A: Ich bin eher konservativ aufgewachsen, meine Eltern sind sehr katholisch. Ich möchte auch nicht, dass sie von meinem Beziehungsmodell wissen.

M: Ein paar meiner Brüder wissen Bescheid, meine Eltern aber nicht.

• Steht ihr dem Thema Sex durch eure Beziehung automatisch offener gegenüber?

M: Sexualität ist nur ein kleiner Teil, es geht generell um freiere zwischenmenschliche Beziehungen auf mehreren Ebenen. Natürlich hat man automatisch einen freieren Zugang zu Sex. Auch andere Männer zu küssen ist nichts Abwegiges. 

A: Man kann viel befreitere Gespräche führen und sich freier verhalten. Als Single hatte ich viel mehr Stress. Wollte ich jemanden bei einer Party „aufreißen“, hat es eh nie geklappt. So lege ich es gar nicht erst drauf an…muss ja nicht zwingend sein 😉 Obwohl meine Freundin und ich zu Beginn in eine Art kleinen „Wettbewerb“ verfallen sind. Da hat man Stress bekommen, wenn der Partner auf einmal mehr Dates hatte als man selbst, was natürlich kompletter Blödsinn ist.

M: Dates sind bei uns generell eher weniger Thema. Auf einer Party wird ein Flirt oder eine Schmuserei schon zugelassen, aber längere Affären gibt es bei uns nicht. Wenn es sich im Moment ergibt, dann ist es okay. Es ist auch okay, wenn wir gemeinsam auf derselben Party sind und uns dann trotzdem mit einer anderen spannenden Person beschäftigen und es einfach passt.

A: Hat deine Freundin da eine andere Einschätzung zum Thema Affären? Ihr redet ja nicht ständig darüber.

M: Nein, eigentlich nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie es genauso sieht. Wobei es natürlich immer wieder Graubereiche gibt über die man reden muss.

• Glaubt ihr generall an Monogamie?

A: Generell finde ich, dass man solche fixen Thesen nicht aufstellen kann. Man sollte sich eher fragen: Wie groß sind die sozialen Zwänge, denen man unterlegen ist.

M: Wenn manche Menschen mit voller Überzeugung in einer monogamen Beziehung leben können und wollen, dann finde ich das toll.

*Namen von der Redaktion geändert

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