SCHÄMEN, LÜGEN UND TWERKEN – DER ANTI VALENTINE’S* DAY QUEER BALL 2017

Beim Anti Valentine’s* Day Ball durfte die Goodlifecrew natürlich nicht fehlen – denn was macht ein gutes Leben aus? Genau: Pombären, Twerking und Spülmittelshots. Daran hab ich auch als Erstes gedacht.

Das diesjährige Ballmotto: A DIRTY SHAME, nach einem Film von John Waters von 2004; Da ich den Film nicht kannte, begann für mich und meine Anti Valentine’s* Crew unsere kleine private Ballsaison mit einem Filmeabend.

A dirty Shame!

spielt in den 90ern in einer amerikanischen Kleinstadt. Diese ist jedoch nicht ganz so spießig, wie es auf den ersten Blick scheint: Eine Gruppe Sex Addicts hormonisiert fröhlich durch die Stadt, Opas haben früh morgens schon „heiße Dates“, in gepflegten Hinterhofgärten finden schockierte Mütter Dildos und der Supermarktangestellte fingert hingebungsvoll das Faschierte.*
Die Hauptfigur in diesem Sozialdrama** ist die biedere Hausfrau Sylvia Stickles, die nach einem Schlag auf den Kopf ebenfalls zum Sex Addict mutiert und als 12. Apostel im Gefolge von Sex-Jesus RayRay in den Kampf gegen die Spießertruppe „Neutrons“ zieht. Noch Fragen?

*Danke an Debbie, die mir am Ballabend in diesen wunderbaren Worten jenes Faschierten-Kuriosum umschrieb („Sog ma’s hoid wie’s is.“).
**kleiner Scherz am Rande…

I’m just Sylvia Stickles. I’m a horny woman with a head injury.

Ob dieser delikaten Auswahl an möglichen Rollen gerieten wir in Entscheidungsnot: Als was sollten wir uns verkleiden? 90’s Bitches? Pensionistinnen? Neutrons/Spießer?
Ganz im Sinne der Rollenverteilung im Film verteilten wir uns gleichmäßig auf beide Kampfesfelder: Unsere Gruppe bestand aus zwei Spießern und zwei Liebes- und Leibesspielfanatikerinnen. Eventuelle gruppeninterne Konflikte würden wir einfach wegtanzen, da waren wir uns einig.

Der offizielle Dresscode der Veranstaltung war übrigens: discover the oyster, my bush is on fire, my tongue is on fire, V-A-G-I-N-A, Bear, 90s Bitch, Pensionist_in.

I’m Sylvia, and my clitoris is in crisis

Nachdem wir Nachmittags beschlossen hatten, dass wir heute absolut pünktlich sein wollten – „Na, schau ma halt dass ma gegen 9 da sind, damit wir ja nix von der Show verpassen.“ – standen wir denn auch pünktlich um 22:30 Uhr im WUK.

Der erste Eindruck war bereits sehr vielversprechend: Die Crowd sah umwerfend aus, gefühlt hatten sich nicht nur ein paar, sondern fast alle Leute wahnsinnig ins Zeug gelegt. Von glitzernden Feen bis zu detailgetreuen Kostümen aus dem Film war alles vertreten – großes Kompliment, Leute, ihr wart so schön!

Halt! Horny! Anal! Lustful! Titties!

Mit frischem Bier versorgt begaben wir uns in die Crowd, um die Show zu genießen – und die war wirklich phänomenal.

Denise Kottlett, die in diesen Dingen ja seit Jahren eine große Meisterin ist, moderierte den Abend. Diverse Notizblätter sollten sie hierbei lotsen – Eben jene Blätter flatterten jedoch fröhlich mal in diese, mal in jene Richtung davon, und Denise improvisierte einfach. Ablauf und Themen waren demnach nicht ganz parat, die Moderatorin war auch ein bisschen abgelenkt weil sie all ihre lieben Freunde in der Crowd laut rufend begrüßen musste – versteht mich nicht falsch, ich fand das sehr sehr geil.

Besonders gefreut hatte ich mich auf den CLUB GROTESQUE FATAL, die Wiener Truppe, die vor ein paar Jahren mit queer Burlesque für Aufsehen und feuchte Höschen sorgte – damals noch unter dem Namen Club Burlesque Brutal.
Ihre Showeinlage lief in Stummfilm-Manier wortlos ab, begleitet von der typischen Klaviermusik. Im Hintergrund wurden die Dialoge an die Wand projiziert – ihr seid jetzt sicher überrascht wenn ich sage, dass die Texte nicht ganz so unschuldig waren wie in entlehntem Filmgenre sonst üblich.

Der Stargast des Abends – laut Moderation – war MAQUE, die mit einem selbstgewebtem Geräusch- und Klangteppich, einer fantastischen Twerk-Einlage (ich war gar kein bisschen eifersüchtig) und einer ausgiebigen Bierdusche die Menge anheizte. What’s between sex and fear?

Zum güldenen Abschluss gaben sich MZAMO JAMA NONDLWANA, LYNNE MERCEDES REY und ALEX FRANZ ZEHETBAUER die Ehre, und zeigten ihre Performance Bodylovewhalesong. Das Wort umschreibt eigentlich eh schon ganz gut, was die drei auf der Bühne so trieben – Die Performer_innen tanzten, sprangen, schlängelten und warfen sich über die Bühne, umgeben von diversen glitzernden und güldenen Anhängseln, die um sie herum ebenfalls in konstanter Bewegung waren. Ein fulminanter Abschluss einen fulminanten Show. Ich sage: Chapeau!

We got blatand homosexuals shopping right now in our store. They eat life you know. Sperm!

Show vorbei, nun also Party. In diversen Räumen wurde zu unterschiedlichen Beats abgeshaked, was das Zeug hielt. Die mit Abstand beste Musik wummerte am Klodancefloor, was zwar lustig, aber auch irgendwie mühsam war, weil man kaum noch zur Toilette vordringen konnte.

Nachdem wir heftigst das Tanzbein geschwungen hatten, begaben wir uns auf die Suche nach den vorab angekündigten Special Areas. Das „Bear House“ war schnell gefunden, nach der „Eichhörnchenecke mit Snacks und Kuschelmöglichkeit“ haben wir aber immer wieder gesucht und sie nie gefunden.

Recht faszinierend fanden wir die Lebend-Bushes. Das war schon irgendwie cool.

Doctor: Sylvia, you have what is known as a runaway vagina.

Ich blieb den ganzen Abend über meinem Spießer-Dasein treu, legte mein (beim Tanzen doch sehr heißes) Kostüm nie ab und hielt fröhlich mein Anti-Sex Schild in die Menge. Plötzlich jedoch stand ein Mädchen vor mir, das mein Schild („Sex ist schlecht für die Wirtschaft!“) wohl ein bisschen zu ernst nahm. Relativ aggressiv begann sie, mich darüber aufzuklären, dass Leute wie ich ganz, ganz viel nicht verstehen, und dass Sex sehr wohl gut für die Wirtschaft ist, und dass prinzipiell Sex schon auch was Gutes ist, und was-weiß-ich-noch-alles. Erst dachte ich, dass sie mich verarscht, dann, dass sie mich anmacht („Du hast doch das Schild nur geschrieben, damit Leute wie ich dich ansprechen!“) – im Endeffekt wurde sie aber so leidenschaftlich wütend, dass ich mir nicht mehr ganz sicher bin, ob sie das Schild nicht sogar ernst nahm.

Long Story short: Ich musste mir einen sehr langen Vortrag über Norbert Hofers Pornografieverhalten anhören.

Naja, ich hab sie dann stehen lassen und bin eine rauchen gegangen.

Der kleine Zwischenfall später, kostümiert am Würstelstand, ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden…

Alles in allem war war der Anti Valentine’s* Ball 2017 wirklich, wie angekündigt, der traurigste Queer Ball der Welt. Ich habe sehr viel geweint.

In diesem Sinne:

Let’s go sexin‘!

 

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