Diagonale 2017 – das Festival des österreichischen Films

Tag 1

Ein Presseausweis, Rotwein und abgefuckte Sneaker

Juiiiii, wir sind in Graz, die Sonne scheint und wir werden uns die nächsten Tage in die Welt des österreichischen Films stürzen!! Auf geht’s zur Diagonale 2017.

Heute Abend steht die feierliche Eröffnung an, ich ziehe mir also ein schönes, neues Kleid an und hoffe, dass es ein wenig von meinen alten, zerschlissenen Sneakern ablenkt.

Ich fühle mich wahnsinnig wichtig mit meiner Presseakkreditierung. Egal wie das Festival wird, so rein egotechnisch war das jetzt schon ein Erfolg…

© Alexi Pelekanos

Keine Angst bei der Eröffnung

Voller Vorfreude begeben wir uns in die Helmut-List-Halle, wo die Eröffnung der 20. Diagonale stattfindet. Wir tauchen unter in der Menge kreativer Köpfe und fühlen uns sehr glamourös, bis uns kurz vor Beginn der Veranstaltung der Hunger übermannt und wir still und heimlich um die Tische schleichen, um noch die letzten Reste der Kürbiskern-Snacks abzugreifen. Aber hee, wir sind nicht die einzigen Schlawiner – auch ein paar Mädels aus dem Filmteam von UNTITLED, dem Eröffnungsfilm, begeben sich klammheimlich auf Fresstour, was wir mit einem gemeinsamen Lachanfall quittieren. Wir fühlen uns gleich ganz heimelig, so unter anderen Manierlosen.

Nun denn, auf zum offiziellen Teil des Abends!
Moderiert wird die Eröffnung von Michael Ostrowski, der diese Aufgabe charmant und witzig erledigt und sich auch einen Seitenhieb auf den anwesenden Grazer Bürgermeister Siegfried Nagl nicht verkneift, welcher in letzter Zeit aufgrund des geplanten Murkraftwerks nicht gerade Sympathien gesammelt hat.

Die beiden Intendanten Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber halten eine sehr kluge Rede darüber, dass es gerade in der heutigen weltpolitischen Situation wichtig ist, Meinungen zu sagen, Freiheiten zu verteidigen, auch mal unbequem und unangepasst zu sein. Es sei eine wichtige Aufgabe des Films, sich seine Neugierde zu bewahren, Fragen zu stellen, Utopien zu entwerfen, Lebensrealitäten und vorgefertigte Meinungen in Frage zu stellen.

Dann spielen sie „Keine Angst“ von Hansi Lang.

© Liza Sontheim / www.goodlifecrew.at

„Ein Festival kann Kontexte schaffen und Verbindungen herstellen, kann Geschichtsbewusstsein schärfen und Narrative entwerfen, die aus den Bildern über die Leinwand dorthin führen, wo das Kino seinen Ursprung hat und auch hingehört: mitten ins Leben und zu den Leuten.“
Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber

Auch der Bundespräsident gibt der Diagonale die Ehre und wird prompt auf die Bühne gebeten. Als Ostrowski ihn dort alleine stehen lässt, blickt Alexander van der Bellen amüsiert in die Runde und kommentiert, ja, so laufe das. Man hole ihn her, und dann lasse man ihn einfach allein stehen und sagt sich, jo, der wird dös scho machen.

© Liza Sontheim / www.goodlifecrew.at

Der Schauspieler Johannes Krisch wird mit dem Großen Schauspielpreis ausgezeichnet.
Sehr verdient, wie ich finde.
Der künstlerisch gestaltete Preis sollte eigentlich mit einer Art Performance überreicht werden – Nun ja, Krisch hält eine etwas stockende Rede und geht dann einfach wieder auf seinen Platz. Die Performerinnen lässt er auf der Bühne stehen wie bestellt und nicht abgeholt.

Wie bestellt und nicht abgeholt. © Liza Sontheim / www.goodlifecrew.at

UNTITLED

Der diesjährige Eröffnungsfilm ist UNTITLED von Michael Glawogger und Monika Willi.

UNTITLED Filmstill © Filmladen Lotus-Film

Es handelt sich hierbei um einen Dokumentarfilm des besonderen Art: Glawogger ging es darum, einen Film zu machen, in dem es um nichts geht. Er wollte einfach losfahren und filmen, was und wer ihm begegnet – ohne einem roten Faden, ohne einer bestimmten Geschichte hinterher zu jagen.
So begab sich Glawogger (u.a.: Contact High, Nacktschnecken, workingman’s death) mit seinem Team auf eine Reise durch den Balkan, Italien, Nordwest- und Westafrika, wo er an einer besonders aggressiven Form von Malaria innerhalb weniger Tage überraschend starb.

Michael Glawogger © Sascha Trimmel

Monika Willi (Schnitt: Wilde Maus, Thank you for bombing, Amour, Das weisse Band), langjährige künstlerische Wegbegleiterin Glawoggers, hat aus diesem Filmmaterial nun UNTITLED gestaltet.
Herausgekommen ist ein sehr interessanter Film, der in der Montage durchaus einen roten Faden, eine Narrative bekommt. Die vielen wiederkehrenden Elemente – die Esel, die als fast alptraumartige Schattenbilder dargestellt werden, die Motive von Tod und Leben, Geburt und Sterben, das Motiv des Verschwindens – weben einen Teppich um die wunderbaren Bilder einer Reise ohne Ziel und verdichten sie zu einem stimmigen Ganzen, eingefasst in ein poetisch-melancholisches Voice Over, samtig-weich gesprochen von der großartigen Birgit Minichmayr.
Die Dreharbeiten, so sagt Kamermann Atilla Boa, seien geprägt gewesen von „einer Mischung aus Erwartung, dass etwas kommen wird, und dem Umarmen des Zufalls, wie auch immer er eintreten möge.“ Den Zufall umarmen, diesen Gedanken sieht man seinen Bildern an, den Blick für die Details, für die Poesie, die schönen wie auch die grausamen Momente des Alltags.
Es ist ein sehr interessanter Film geworden, stellenweise ein wenig zu pathetisch, allerdings darf ein Abschiedsgruß pathetisch sein.

UNTITLED von Michael Glawogger und Monika Willi © Filmladen Lotus-Film

Tag 2

Sonnenschein und Nudistenmassaker

Nach einem ausgiebigen und sehr späten Frühstück (*hust* *hust* Premierenfeier am Vorabend) begibt meine Festivalcrew sich in die ersten Filme und ich mich in die Sonne.
Am frühen Abend zieht es dann auch mich in den ersten Film, DIE LIEBHABERIN von Lukas Valenta Rinner.
Aiii, ist der Film geil!

Die Liebhaberin von Lukas Valenta Rinner © Nabis Filmgroup

Die Liebhaberin

Die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Belén (Iride Mockert) nimmt einen Job als Hausmädchen einer reichen Familie in einer Gated Community in Buenos Aires an. Das Leben innerhalb dieser Community nimmt absolut absurde Züge an: Durch einen Starkstromzaun und diverse Securities geschützt, leben die Einwohner in einer oberflächlich idyllischen Blase. Beléns Arbeitgeberin ist eine reiche, sehr einsame Frau, die Belén in einer sehr aufschlussreichen Szene nachts aufweckt und zwingt, mit ihr Familienvideos anzuschauen und Kamillentee zu trinken. Ihr Sohn ist angehender Tennisprofi und macht eigentlich nichts, außer den ganzen Tag zu trainieren und ab und an in Tränen auszubrechen. Belén wirkt unsicher und verloren in der aufgeräumten Wohlfühlwelt samt Springbrunnen und Eichelskulptur.
Eines Tages entdeckt Belén eine Nudisten-Kommune auf der anderen Seite des Zauns und wird immer mehr in deren Welt hineingezogen.
Das gezwungenermaßen konfliktreiche Nebeneinander dieser beiden Lebenswelten eskaliert, als ein Einwohner der Kommune beim versehentlichen Kontakt mit dem Starkstromzaun stirbt. Auf welche Art die NudistInnen schließlich Rache nehmen, das müsst ihr euch selber anschauen. Nur so viel: Das Finale wird getragen von einem herrlichen, tief-tief-tiefschwarzen Humor.

Iride Mockert spielt den Übergang der Hauptfigur grandios, von einer anfänglichen Unsichtbarkeit, einem irrsinnig verkrampften Gang mit hochgezogenen Schultern bis hin zu ihrer allmählichen Öffnung innerhalb der Kommune, in der Belén eine wahnsinnige Ausdruckskraft entwickelt.

Die Liebhaberin gewinnt bei der Diagonale 2017 den Preis für den besten österreichischen Spielfilm.

Die Liebhaberin von Lukas Valenta Rinner © Nabis Filmgroup

Im Anschluss hetzen wir sogleich in den nächsten Film, DIE EINSIEDLER von Ronny Trocker.

Die Einsiedler

Wir finden uns in einem vom ersten Film sehr verschiedenen Werk wieder, es gibt zwar wieder kaum Dialoge – sowohl in DIE LIEBHABERIN, als auch in DIE EINSIEDLER wird hauptsächlich mit dem Körper kommuniziert.
In letzterem findet sich jedoch wenig Humor. Es ist ein leiser, ein bedrückender Film.

Albert (Andreas Lust) hat sein ganzes Leben auf einem archaischen, einsamen Berghof in Südtirol verbracht und arbeitet mittlerweile unten im Tal in einem Marmorsteinbruch. Mit dem Leben „dort unten“ kommt er nicht ganz klar, zwischenmenschlich weiß er sich nicht so ganz auszudrücken, und die raue Arbeitswelt in einem zu Mobbing neigenden Team macht es ihm auch nicht einfach. Trost findet er einerseits in der sich langsam anbahnenden Liebelei mit der aus Ungarn stammenden Paula (Orsi Tóth), andererseits oben auf dem Hof, seinem Rückzugsort.
Es herrscht jedoch weder unten, noch oben Idylle. Das Leben am Berg ist hart und entbehrungsreich, und als Alberts Vater Rudl (Peter Mitterrutzner) plötzlich stirbt, ist die Mutter Marianne (grandios: Ingrid Burkhard) heillos überfordert.
Glorreich die Szene, als sie schließlich das Jesuskreuz von der Wand schießt;

Heimatidylle sucht man vergebens, Verklärung wird ersetzt durch harten Realismus. Ein fantastischer, ein nachdenklicher Film, der dem Schweigen der Bergleute die Ausdrucksstärke minimalster Gesten und wunderschöne Kamerabilder entgegensetzt.

Die Einsiedler von Ronny Trocker © Zischlermann

Tag 3

Kurzfilme mit Gruselfaktor statt Frühstück!

Heute schaffen wir es ein wenig früher aus den Federn und stürzen und sogleich ins Kurzfilmprogramm.

Makaber geht es los mit AM BERG von Nicole Scherer. Danach ist auch die letzte Morgenmüdigkeit vertrieben, die Horroreffekte sind gut gewählt.

Es folgen drei Musikvideos unter der Regie von Florian Pochlatko, betitelt mit GOD OF GHOSTS / NURENEGADE. Zweifelsohne sehr professionell gemacht und sehr geile Musikvideos, jedoch waren drei davon dann doch ein wenig zu viel. Wir schlummern wieder ein wenig weg.

FUCKING DRAMA von Michael Podogil hingegen begeistert uns irrsinnig!
Ein Pärchen wird von einem Mädchen angesprochen, ob sie nicht Lust auf einen spontanen Theaterbesuch hätten. Die beiden folgen der jungen Frau in einen verzweigten Keller, wo tatsächlich mehr schlecht als recht ein „Off-Theaterstück“ aufgeführt. Dann jedoch betritt der Autor des Stückes den Raum und die Situation entgleist…

Puh, was für ein Psychostück! Wahnsinniger Irrsinn.
Das Schwierigste an der Arbeit am Film war, so der Regisseur im anschließenden Gespräch, einen passenden Keller zu finden. Die Frage, wie er denn auf die abstruse Idee der Geschichte gekommen sei, meinte Podogil poetisch: „Najoa, der Keller, der Staub, ich…“

FUCKING DRAMA von Michael Podogil © Jakob Fuhr

Den krönenden Abschluss bildet die Mockumentary LDAE („Lass die Anderen entscheiden“) von Christoph Schwarz. Was Schwarz da eigentlich für einen Film macht oder was er in seinem Film macht, ist schwer zu beschreiben. Es gibt so viele Metaebenen innerhalb von Metaebenen, die von einer Off-Stimme in weiteren Meta-Ebenen satirisch kommentiert werden, dass einem der Kopf schwirrt.
Schwarz entwicket ein partizipatives TV-Format, bei dem er die Dreharbeiten ins Netz stellt und eine online Community, die er „mein Schwarm“ nennt, Regie führen lässt. Über Facebook-Kommentare bestimmen die User über Dialoge, Handlung, Schnitt; Was als „andere finden meine Idee gut und künstlerisch wertvoll, also mach ich das jetzt mal“ beginnt, eskaliert, als Schwarz selbst aus dem Film geworfen wird und am Ende ein 12jähriger Amerikaner die Kontrolle über den Film und die Schwarzsche Kreditkarte übernimmt.

LDAE © ARGE Schwarz

Rauschafte Liebe nebst zaacher Geschichtsverdrehung

Zapzarapp, nach einigen Stunden in der Sonne geht es wieder in den dunklen Kinosaal, diesmal zum Innovativen Kino.

Wir starten mit einem herrlichen Animationsfim, MUSEUMSWÄRTER von Alexander Gratzer. Es geht darum, was ein Museumswärter eigentlich so treibt, wenn er sich unbeobachtet fühlt. In diesem Fall singt er, erst leise und zurückhaltend, dann immer lauter und befreiter, What’s Up von den 4 Non Blondes.
Ein minimalistischer Film, der die kleinen Dinge und das Leben feiert.

Museumswärter © Alexander Gratzer

Es folgt SUBSTANZAUFNAHME, ebenfalls ein Animationsfilm, von Bernd Oppl und Bogomir Doringer. Aus eisenhaltigem Ferrofluid formen die beiden mithilfe von Magneten schwarze Gebilde, hauchen ihnen Leben ein und lassen sie in skurrilen, seltsamen Bewegungen durch Miniaturgebäude kriechen.

Mit VIVIEN.LIEBE tauchen wir anschließend ein in eine alptraumartige Tour de Force, in ein romantisch-perfides Blutbad, kommentiert von einer emotionslosen Roboterstimme. Wir versinken in Tönen, Primärfarben, 90er Jahre Videoeffekten und in einem sehr, sehr verdrehten Gedankenkonstrukt. Am Ende ziehen wir erschöpft unseren Hut und applaudieren verwirrt, aber glücklich.

Vivien.Liebe © Stefan Manuel Eggenweber

Anschließend entführt uns Christina Lammer mit HERZ und AUGE/HAND in die obskure Welt von Körperöffnungen und Chirurgie.

Fremdschämfaktor Geschichtsverzerrung

Den Abschluss bildet MAPPAMUNDI von Bady Minck. 10 Jahre hat das Team an dem Film gearbeitet und, oje, wie grottenschlecht ist das Ergebnis. Was dieser Film auf der Diagonale zu suchen hat, ist uns ein Rätsel. Die Animationen sind dilettantisch und verwackelt, die Story mehr als fragwürdig. Wir fühlen uns wie im Biologieunterricht, wenn uns der Lehrer einen informativen und furchtbar faden Lehrfilm zeigt, der einfach nicht enden will.
Die Story ist folgende: Ein Raumschiff mit Weltraum-Kartographen nähert sich der Erde. Diese erzählt den Aliens die Geschichte der Welt anhand von Kartenmaterial.
Meine Sitznachbarin studiert Geschichte und verzieht gequält das Gesicht.
Wäre das Ganze als „die Geschichte der Kartographie“ betitelt, wäre es gar nicht so schlimm. Da die Filmemacherin aber für sich beansprucht, die Geschichte der Welt abzubilden, lädt das Werk nur zum Fremdschämen ein. Eurozentrismus beherrscht die Geschichte, die dementsprechend verzerrt dargestellt wird. Afrika wird nur am Rande erwähnt, Lateinamerika gar nicht. Wir fordern mehr Feingefühl im Umgang mit geschichtlichen Ereignissen.
Im Filmemacher-Talk darauf angesprochen, meint die Filmemacherin, das sei überhaupt kein Eurozentrismus, es sei ja immerhin auch eine Karte von China dabei gewesen.
In Gedanken an die gekünstelte Aufregung, die die Sargnagelsche Reiseförderung im Babykatzengate hervorgerufen hatte, sage ich: Warum MAPPAMUNDI 10 Jahre lang Förderungen des Bundeskanzleramtes erhalten hat, verstehe ich wirklich nicht. Geschichtsverzerrung auch noch staatlich fördern, pfui.

Bussi Baba, zurück ins schöne Wien

Das war es dann leider auch schon mit unserem Diagonale-Ausflug! Wir fallen in den Bus nach Wien und freuen uns schon aufs nächste Jahr.

<3 GLC

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