DADA MEETS WIENER SCHMÄH

Eine magisch-makabre soirée noire im Schuberttheater, gegen die KomMERZialisierung und den Wahnsinn unserer Zeit

Das Wiener Figurentheater (für Erwachsene!), also das Schubert Theater in der Währingerstraße, schwingt sich auf zu einer obskuren Soirée Noire mit/nach/von/durch/über Kurt Schwitters und Hans Carl Artmann. Deutsche Zackigkeit meets Wiener Schmäh und Gelassenheit, Dada meets Würstelprater und Puff.
Unsere Redakteurin hat sich auf Ottos Mops* geschwungen und schwimmt für euch tapfer durch diese Ursuppe des Irrsinns, um euch am Ende glitzernd, müde und glücklich zu erzählen: Es war großartig!

*https://www.youtube.com/watch?v=oMtCa-_ygto

Wer das Schubert Theater nicht kennt

Jeder_r hat in seiner/ihrer Stadt diesen einen Ort, von dem er oder sie all ihren FreundInnen erzählt. Dieser eine Ort, zu dem man die Eltern schleppt, wenn sie zu Besuch sind, und von dem man ständig sagt „Da musst du mal gewesen sein!“, „Das muss man mal erlebt haben.“
Für mich ist dieser Ort das Schubert Theater.

Das Schubert Theater ist ein magischer Ort. Es ist einer dieser Orte, von denen man denkt, sowas gibt’s doch heute eigentlich gar nicht mehr. Das Schubert Theater entführt dich in die Ursuppe des Ursprungs-Cabarets, in Variéte Abende in dunklen, verruchten Bars in Paris, in Zeiten von Zirkus, Jux und Tollerei und natürlich Schabernack.

© Barbara Pálffy

Das Schubert Theater ist ein Figurentheater für Erwachsene. Es ist oft makaber, grauslig, gruselig, witzig, nachdenklich, es greift die Abarten des Menschen genauso auf wie seine heroischen, seine guten Seiten. Es schafft, was wenige schaffen – sobald man den Theatersaal betritt, findet man sich in einer eigenen Ralität wieder, in einer Blase, und wird völlig hineingezogen in eine Welt der Geschichten und Illusionen.

Was ich damit meine? Man akzeptiert dort viele Dinge als gegeben, die offensichtlich nicht wahr sind. Obwohl die SchauspielerInnen hinter den Puppen gut sichtbar auf der Bühne stehen, sich kein Stück weit verbergen, obwohl es offensichtlich sie sind, deren Münder sich bewegen und deren Stimmen wir hören – trotz all dem akzeptieren wir, dass es die Figuren sind, die dort sprechen, fühlen, agieren. Mit ihnen fiebern wir mit, mit ihnen fürchten, trauern und freuen wir uns.

Und was mich immer wieder fasziniert: Der Gesichter der Puppen sind nicht veränderbar, sie haben also zwangsläufig immer den gleichen Gesichtsausdruck. Trotzdem wirken sie so menschlich, und trotzdem nimmt man ihnen jede Emotion ab: Die Gesichter wirken mal traurig, mal wütend, mal schelmisch, und so fort. Das ist eine große Illusion, eigentlich sogar eine sehr offensichtliche Illusion – und dennoch funktioniert sie perfekt.

Ihr habt wahrscheinlich schon verstanden, was ich sagen will: Hingehen! Ich finde, ihr müsst das Schubert Theater alle mal erlebt haben.

© Barbara Pálffy

Wer DaDa nicht kennt

Dada ist eine Kunstrichtung aus der Zeit während des Ersten Weltkrieges und zur Zwischenkriegszeit. Es ist vor allem – so empfinde ich es – ein Protest. Ein Protest gegen Kontrolle und Zwang, gegen die KomMERZialisierung, gegen den Wahnsinn des Krieges. DaDa ist heute genauso aktuell wie damals, weil es all die Probleme anspricht, mit denen wir uns immer noch rumschlagen müssen.
Dada ist nicht ohne eine politische Dimension zu denken. Man konnte aber zu jener Zeit auch nicht wirklich Kunst machen, ohne eine politische Dimension miteinzubeziehen – man konnte vermutlich überhaupt gar nichts machen, ohne die politische Situation zu berücksichtigen.
Dada entstand in der Schweiz, in dieser neutralen Insel inmitten der Kampfhandlungen. Man muss sich vorstellen, dass die KünstlerInnen Europas zu der Zeit noch ganz anders vernetzt waren als heutzutage. Jede_r kannte jede_n. Und so fand sich die europäische Intellektuellen- und Künstlerriege in der Schweiz zusammen, um dort nach einer elementaren Kunst zu suchen, die den Menschen vom Wahnsinn der Zeit heilen sollte.

Aus dieser Situation heraus entsteht Dada – eine Kunst, die vor allem den Zufall miteinbezieht. Eine abstruse, eine irrsinnige Kunst, nicht kontrollierbar, nicht planbar. Die Ablehnung aller Autoritäten, die Verhohnepipelung (man sollte dieses Wort viel mehr benutzen) von Disziplin und Moral und die Apotheose des Individuums bilden ihren Kern. Dada will die Realität ad Absurdum führen.

Wir wollen uns nun zwei Künstlern dieser Strömung zuwenden, jenen Künstlern nämlich, denen das Schubert Theater unter der Regie von Martina Gredler die Parterre Akrobaten widmet – Kurt Schwitters und Hans Carl Artmann.

© Barbara Pálffy

Parterre-Akrobaten

Kurt Schwitters, das „Genie im Bratenrock“ (so wurde er einst von Richard Huelsenbeck genannt. Es war nicht als Kompliment gemeint.) wurde 1937 in Deutschland als „entartet“ verfemt und zog kurzerhand nach Wien, wo ihm Hans Carl Artmann, der „Kuppler und Zuhälter von Worten“, Unterschlupf gewährte.

Wie in den Parterre Akrobaten wunderbar dargestellt, treffen hier zwei Persönlichkeiten aufeinander, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen: Auf der einen Seite Schwitters, ein hyperaktiver, überdrehter Deutscher, wunderbar übersprudelnd und etwas nervtötend dargestellt von der Wiener Puppenspielerin Manuela Linshalm; Auf der anderen Seite Artmann, der die Gelassenheit weghat und über die Ruhelosigkeit Schwitters genervt seinen imposanten Schnauzer kräuselt. Er wird, ebenso glorreich, dargestellt von Christoph Hackenberg. Da haben sich zwei gefunden – Hackenberg und Linshalm harmonisieren wunderbar, beziehungsweise eben gar nicht, worauf es ja hinauslaufen soll.

Wir befinden uns im Stück im MERZbau, soll heißen, das Bühnenbild wurde von Claudia Vallant gestaltet wie der riesige, abstruse Bau, an dem Schwitters etwa zwanzig Jahre lang arbeitete, und der 1943 bei einem Bombenangriff zerstört wurde.

© Barbara Pálffy

MERZ, so bezeichnet Schwitters seine Technik, aus Zeitungsausschnitten, Reklame und Abfall Collagen zu erstellen. MERZ sei ein „absolut individueller Hut, der nur auf einen einzigen Kopf passt“ – nämlich auf seinen eigenen.

So hastet Schwitters in der ersten Szene denn auch durch den Raum und klebt, einem unbekannten System folgend und scheinbar völlig willkürlich, Dinge auf das Bühnenbild. Aufgekratzt rennt er durch den Saal, sammelt von ZuschauerInnen gebrauchte Fahr- und Theaterkarten und anderen Müll ein, um ihn auf sein Kunstwerk zu kleben.

Artmann nun möchte diesem rastlosen Deutschen die Wiener Lebenskultur näherbringen, und wo lässt sich das besser bewerkstelligen als im Prater und im Puff?

© Barbara Pálffy

Das Stück wird nun selbst zur Collage, zu einem bunten Rausch aus zusammengewürfelten Szenen. Einerseits wird die Geschichte der beiden Künstler immer wieder aufgegriffen, wenn etwa in der komischen Figur Schwitters immer wieder die Tragik aufblitzt, von daheim vertrieben worden zu sein, oder etwa als er erwähnt, dass er als für den Militärdienst untauglich angesehen wird (aufgrund von Epilepsie und Depressionen). Auch dieses Tragikomische wird wunderbar subtil von Linshalm verkörpert – Chapeau!

Immer wieder eingestreut werden Dada Performances der beiden Künstler, so trägt Schwitters den beiden Prostituierten „An Anna Blume“ vor, Artmann erzählt im dröhnenden Bass vom „Krokodüüü“.

Als dritte Hauptfigur im Stück könnte man wohl den Wiener Prater bezeichnen in Gestalt zweier Budenbesitzer, die die ZuschauerInnen im breiten Wienerisch in die Verführungen und Abgründe des Jahrmarkt entführen. Ich habe nicht alles verstanden, was die beiden so erzählten – und das war wirklich vollkommen egal.

Begleitet wurde das Stück von Jana Schulz am Akkordeon – und sowohl ihre Musik wie auch ihr gleichgültig-kalter, sehr skurriler Gesichtsausdruck passten dazu wie die Faust aufs dämonisch-glitzernde Puppenauge.

© Barbara Pálffy

Zu guter Letzt kann ich nur noch einmal wiederholen, was ich bereits gesagt habe und womit ich die nächsten Wochen wieder all meine FreundInnen nerven werde: Anschauen. Unbedingt anschauen. Dada-FanatikerInnen wie ich sowieso, und alle anderen auch: Ich war dort mit einer Freundin, die noch nie von Dada gehört hatte, und sie hatte, genau wie ich, eine Mordsgaudi.

 

Die nächsten Vorstellungen von Parterre-Akrobaten sind übrigens am 18. und 19.04. jeweils um 19:30 Uhr im Schubert Theater: http://schuberttheater.at/spielplan/

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