CROSSING EUROPE 2017

Ein Filmfestival als Gesamtkunstwerk

Bereits zum 14. Mal findet das CROSSING EUROPE Filmfestival in Linz statt und wie jedes Jahr präsentiert es sich als Gesamtkunstwerk und -erlebnis, das ein prickelndes Gefühl auf den Sehnerven und Hirnwindungen hinterlässt. Wir haben unsere Redakteurin hingeschickt, um euch einen Einblick zu geben.

© Christoph Thowartl

So bunt wie Europe selbst

Gleich zu Beginn: Ich bin ein großer Fan des CROSSING EUROPE. Seit Jahren zieht es mich im April nach Linz, denn von allen Filmfestivals, die ich bisher besuchen durfte, ist mir das CROSSING EUROPE das Liebste. Dass mir einer der ausgewählten Filme nicht gefällt, kommt selten vor. Das Crossing bietet Filme aus ganz Europa, innovative, oft kritische und politische Filme, und versucht somit das ganze Potential europäischen Filmschaffens abzubilden. Es wird vor allem auch versucht, solchen Filmen eine Plattform zu bieten, die im ’normalen‘ Kinobetrieb meist untergehen – Filme, die zwar oft hochkarätig und von der Kritik hochgelobt sind, jedoch aus ökonomischen Gründen in den Mainstreamkinos trotzdem nicht gespielt werden. Soll heißen: Hier sieht man großartige Filme, die man sonst wahrscheinlich nirgends zu sehen bekommt.

Es ist alles dabei: Von Feelgood über Road Movies bis hin zu absurden Horror Splattern, von leisen, vorsichtigen bis hin zu lauten, revolutionären Filmen. Es geht um Coming-of-Ages und Coming-Outs, um Flüchtlinge, die neue Rechte, Arbeitslose, um alte und neue Lieben. Kurz: Es findet sich hier ein Sammelsurium an Themen, so bunt wie Europa selbst.

© Andreas Wörlster

Gesamterlebnis Crossing Europe

Was das CROSSING EUROPE aber so sehr von anderen Festivals unterscheidet, ist das Drumherum. Einerseits ist es für die BesucherIn, die nicht gerade zu Presse oder Filmschaffenden gehört, sehr angenehm, dass man sich nicht nur Tagestickets, sondern auch Festivalpässe kaufen kann – keine Selbstverständlichkeit (siehe Diagonale). Es gibt rund um das Festivalgelände herum nette Cafés und Bars (stundenlanges Abhängen im Gastgarten des gelben Krokodils gehört einfach dazu). Am OK Mediendeck am Festivalgelände gibt es immer wieder Veranstaltungen wie etwa ein Meet&Greet mit den FilmemacherInnen, diverse Gespräche zu zeit-spezifischen Themen der österreichischen Filmbranche, oder Masterclasses mit FilmemacherInnen. Diese Veranstaltungen werden meist begleitet von Buffets und Freigetränken 🙂

Sehr cool war dieses Jahr übrigens der Festivaltrailer – auch das ist bei Filmfestivals leider keine Selbstverständlichkeit, umso mehr habe ich mich gefreut, dass SUMI von Las Gafas sowohl visuell ansprechend als auch innovativ und spannend war. Chapeau!
Der Link zum Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=WcNybjbX2xc

Festivaltrailer SUMI by LAS GAFAS (Luzi Katamay & Christian Dietl)

Die Nachtsicht

Das Wichtigste am Crossing Europe ist die Nachtschicht. Zumindest ist das innerhalb meiner Festival-Buddy-Crew so, und wir haben Recht.

Die Nachtsicht ist fantastisch. Großartig. Unheimlich. Echt echt leiwand.

© Christoph Thorwartl

Station 1: Freibier

Ihr seid auf einem Filmfestival und schaut deshalb wahrscheinlich viel zu viele Filme. So viele Filme, dass eure Augen schon ein bisschen jucken und eure sozialen Kompetenzen etwas schwinden und Gespräche schwieriger und schwieriger werden. Ihr seid Filmfestivalzombies. Und wie jeder Filmfestivalzombie, wart ihr auch heute wieder in viel zu vielen Filmen und habt – wichtig!! – all eure Filmtickets aufgehoben bzw. vielleicht sogar irgendwo am Vordersitz oder so noch ein zusätzliches gefunden. Man bekommt nämlich für jedes Tickets des gleichen Tages Abends in der Nightline-Area (Das ist die Partyarea ganz oben im OK-Gebäude) Freibier!

DJ Rona Geffen @ Crossing Europe Nightline

Ihr geht also mit euren Tickets zur Bar, holt euch eure Mini-Freibierflaschen, trinkt vielleicht schon mal eines und raucht gemütlich eine Zigarette. Diese eine Freibierstunde (von 22:00 bis 23:00 Uhr) ist sehr fein, denn die meisten FestivalbesucherInnen hängen hier ab. Das hier ist also der perfekte Moment, um euch wieder zusammen zu finden, falls ihr den Nachmittag in unterschiedlichen Kinos verbracht habt, oder für diese tollen „Oooooh hee du bist ja auch hier!!“-Momente, uuuund man kann dem_der RegiesseurIn/Kameramann_frau/SchauspielerIn dieses fantastischen Films vom Nachmittag persönlich sagen, wie unglaublich geil der war.

Xiu Xiu @ Crossing Europe

Station 2: Mit dem Freibier in die Nachtsicht

Nun nimmt man besagte Minibierflascherl möglichst diskret mit sich und begibt sich mit ihnen kollektiv zum eigentlichen Hauptteil des Abends: Der Nachtsicht!

Ach. Hab ich schon erwähnt, wie toll die Nachtsicht ist?

Ihr setzt euch also, versucht während der Titelsequenz möglichst synchron eure Biere auf zu ploppen, und genießt den letzten Film des Abends, der meist bis Mitternacht oder halb1 sowas geht.

Die Filme, die einen erwarten, sind im Normalfall freaky, lustig oder Horror oder alles auf einmal. Fantastisch sind sie immer.

El Bar von Álex de la Iglesia

Der geilste Typ Spaniens: Álex de la Iglesia

Wie jedes Jahr war auch diesmal ein Film von Álex de la Iglesia in der Nachticht vertreten: EL BAR.
Wer Álex de la Iglesia nicht kennt: Das ist der geilste, der fantastischste, der freakigste und talentierteste Regisseur Spaniens. Seine beiden letzten Filme waren WITCHING AND BITCHING und MI GRAN NOCHE. Ich erwähne die, weil ihr alle drei sehen müsst – und zwar auf einer großen Leinwand mit geilem Sound, viel Bier und vielen Menschen.

Iglesias Filme laufen immer nach einem recht ähnlichen Muster ab: Am Anfang steht eine Katastrophe, und danach läuft alles aus dem Ruder. Angeblich zivilisierte, manierliche Menschen geben plötzlich ihre abgründigsten Lüste frei, jede_r denkt nur an sich selbst, es passieren 1000 Sachen gleichzeitig und man denkt sich die ganze Zeit: „Alter, wie zum Teufel können die so schnell sprechen?!“

So auch in EL BAR. Eine Gruppe unterschiedlichster Menschen findet sich in einer abgefuckten Madrider Bar wieder. Als der erste von ihnen gehen will, wird ihm direkt vor der Tür in den Kopf geschossen. Kurz darauf ist die Leiche verschwunden, die Straßen sind wie leergefegt. Drinnen herrscht Panik, niemand traut sich mehr die Bar zu verlassen, und der Wahnsinn nimmt seinen Lauf…

El Bar von Álex de la Iglesia

Station 3: Die Nightline

Wem es nach der Nachtsicht noch nicht reicht, der kann sich am OK Mediendeck in der Nightline den vom Dauer-Kino-sitzen verkrampften Körper wieder locker tanzen.

Mndsgn @ Crossing Europe Nightline

Die notorische Mutation zum sozial unfähigen Filmfestivalzombie

Doch den Hauptteil der Zeit am CROSSING EUROPE verbringt man natürlich in vielen, vielen, vielen tollen Filmen. Dieses Jahr saßen wir noch ein bisschen mehr als sonst im Kino, da das schlechte Wetter uns leider die sonst üblichen Sonnenpausen zwischen den Filmen verdarb. Das war ein bisschen schade, diese Pausen braucht man nämlich, um nicht völlig zum sozial unfähigen Filmzombie zu mutieren.

The War Show von Obaidah Zytoon & Andreas Dalsgaard

The War Show

Der für mich absolut beste Film dieses Jahr war THE WAR SHOW von Obaidah Zytoon und Andreas Dalsgaard.

Man hört es schon am Titel, ein leichter Film ist das nicht. Ich finde aber, jede_r müsste ihn gesehen haben, denn es ist ein fantastischer Film, und ein sehr wichtiger.

2011, als der Arabische Frühling in Syrien um sich greift und die Menschen beginnen, gegen den Diktator Assad auf die Straße zu gehen, voller Enthusiasmus und positiver Energie, da fühlen Obaidah Zytoon und ihre FreundInnen, dass Zeitgeschichte geschrieben wird. Sie wollen den Befreiungsprozess dokumentieren und halten fortan die Geschehnisse mit ihren Kameras fest.

The War Show von Obaidah Zytoon und Andreas Dalsgaard

Obaidah selbst ist Radiomoderatorin, in ihrer Sendung legt sie coolen Sound auf, von der Art, wie sie das Regime sicher verbieten würde, würde es sie verstehen. Ihre FreundInnen sind Frei- und Querdenker, Musiker, Poeten und KünstlerInnen, sie sind jung und hip und voller Energie. Sie wollen ein neues, ein besseres Syrien aufbauen, ohne Folter, ohne Unterdrückung.

Wir alle wissen, was dann passiert. Doch es ist etwas ganz anderes, Aufnahmen aus dem Zentrum des Konflikts zu sehen, gemacht von Leuten, die sich nicht scheuen, auch in gefährlichen Momenten zu filmen, die wie nebenbei die ganze Widersprüchlichkeit des Syrien-Konflikts darstellen. Das Allerschwerste war für mich, dass ich mich selbst so sehr in ihnen wiederfand. So wie Obaidah und ihre FreundInnen völlig bekifft barfuß zu Old-School-Rock tanzen, so habe ich auch schon oft getanzt, und auch viele von euch.

Es gibt ganz zu Beginn des Films eine fast mystische Szene: Ein Mädchen raucht ihren ersten Joint, ein Junge meint dazu: „Diese Szene können wir erst 2014 zeigen!“ Wieso 2014? „Weil wir dann frei sein werden.“ Ein anderer Junge kommentiert trocken: „2014 sind wir alle tot.“

The War Show von Obaidah Zytoon und Andreas Daalsgard

Gewonnen haben am Crossing Europe übrigens:

Competition Fiction: NE GLEDAJ MI U PIJAT / QUIT STARING AT MY PLATE von Hana Jušić
Audience Award Fiction: HJARTASTEINN / HEARTSTONE von Guðmundur Arnar Guðmundsson
Competition Documentary: RODNYE / CLOSE RELATIONS von Vitaly Mansky
Local Artists, Geldpreis: ODERLAND. FONTANE von Bernhard Sallmann
Local Artists, Sachpreis: KAUGUMMIZIGARETTEN von Marie Luise Lehner
Local Artists, Innovative Award: FETISH FINGER von Susanna Flock
Creative Region Music Video, Audience Award: NAKED THOUGHTS – ALPINE DWELLER von Josef Fink und David Haunschmidt

Kaugummizigaretten von Marie Luise Lehner, Gewinner des Local Artists Sachpreises.

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